Drei Meter zwischen Tod und Smalltalk – Im Einsatz mit den Blaulicht-Reportern

Eine Hintergrundreportage von Frank Weber

Bild: Verkehrsunfall in Egestorf am Deister

Egestorf am Deister, ein Samstag im März. Das Thermometer zeigt kühle acht Grad – ein ungemütlicher Tag, der sich langsam dem Ende neigt. Es ist grau draußen. Nieselregen. Die Polizei-Leitstelle meldet einen schweren Verkehrsunfall mit zwei Toten. Einsatz für die Blaulicht-Reporter in der Region Hannover.

Ich bereite gerade mein Abendessen zu, als mich die Nachricht eines Kollegen erreicht. Er fragt mich, ob ich ihn zu dem Einsatz begleiten möchte. »Ich bin mir nicht sicher, ob ich fahren soll. Wenn Du nicht mitkommst, fahre ich auch nicht hin«, sagt er. Ich überlege kurz und schalte, während ich das Telefon mit der Schulter ans Ohr presse, den Herd aus, nehme die Pfanne mit dem Steak von der Platte und sage: »Ich pack' mein Zeug zusammen, wir treffen uns in fünf Minuten unten.«

Exakt fünf Minuten später steht mein Kollege – er arbeitet für eine Fernsehnachrichtenagentur – unten am Haus. Man könnte fast meinen, er hätte die Stoppuhr gestellt. Ich habe in der Zwischenzeit meine zwei Fotokameras, eine Warnweste und eine kleine Flasche Orangensaft eingepackt und steige zu ihm ins Auto. Eine kurze Begrüßung, dann fährt er los.

Es geht ums Geldverdienen

Wir unterhalten uns darüber, was uns erwarten wird. »Die sind mit Sicherheit alle da«, sagt er mir, »und wir sind spät dran«. Mit „denen“ meint er die anderen Blaulichtreporter in der Region. Er sieht die Verkaufschancen für sein Video-Material dahinschwinden, freut sich aber, dass ihn jemand begleitet. Wir werden etwa eine Viertelstunde unterwegs sein. Die Regentropfen prasseln an die Windschutzscheibe. Am Nienstedter Pass hält er noch schnell an einem Waldweg. Die Blase drückt.

Wenige Minuten später sind wir im Ort angekommen und fragen eine Passantin nach dem Weg. Ihre Antwort: »Da können Sie jetzt nicht langfahren, da ist alles abgesperrt«. Erst als wir uns als Pressevertreter zu erkennen geben, gibt sie uns Auskunft. Wir fahren weiter die Straße entlang und sehen aus der Ferne das Blaulicht im Abendhimmel flackern. Inmitten der langgestreckten Allee konzentriert sich das Geschehen auf einer Strecke von vielleicht 100 Metern. Normalerweise ist es hier stockduster – jetzt ist die Stelle von den Lichtmasten der Feuerwehr taghell erleuchtet. In der Abfahrt des Kreisverkehrs steht ein Streifenwagen, blockiert die Ausfahrt. Ich steige aus, begrüße den Beamten durch die Fahrertür des Streifenwagens und stelle mich und meinen Kollegen kurz vor. »Ihr seid aber spät dran«, sagt er betont lässig und winkt uns durch. Spät dran, ja. Der Mann hat Humor. Man kennt halt seine Pappenheimer. Er fährt seine Seitenscheibe wieder hoch und wir machen uns auf den Weg zur Unfallstelle.

Wenige Augenblicke später erreichen wir den Ort, an dem es offensichtlich heftig gekracht hat. Wir parken auf dem Seitenstreifen, gehen mit den Kameras auf die Unfallstelle zu und verschaffen uns in einer Art professioneller Arbeitsroutine einen ersten Überblick. Sofort fällt uns das ungewöhnliche Auto auf. Ein Porsche 911 GT3 – im Rennwagen-Look beklebt.

Bild: Unfall in Egestorf - Autowrack am Baum
Schwerer Verkehrsunfall in Egestorf: Erstes Foto nach Erreichen der Unfallstelle. Foto: Weber

Als wir uns der Unfallstelle nähern, kommt ein Polizist auf uns zu und bittet uns, jetzt keine Aufnahmen zu machen. Die Toten werden gerade aus dem Wrack geborgen. Wir sollen auf die andere Straßenseite gehen und gemeinsam mit den übrigen Pressevertretern warten. Und wie erwartet sind wir nicht die ersten vor Ort. Im uns zugewiesenen Bereich stehen schon zahlreiche Kollegen aus dem Raum Hannover – freie Fernsehreporter und Fotojournalisten für Tageszeitungen und lokale Online-Medien.

Smalltalk zwischen Leichen

Man kennt sich irgendwie. Mein Kollege begrüßt alle herzlich, ich halte mich dezent zurück. Es sind schließlich letztlich Mitbewerber, die genauso auf das Honorar aus sind wie wir. Gespielte Freundlichkeit scheint mir da eher fehl am Platz. Dennoch: Ungefähr zehn Minuten unterhalten wir uns über den Unfall, danach über dies und das. Man könnte meinen, wir wären alle beste Freunde, die sich seit Jahren nicht gesehen haben.

Dann das Signal von der Polizei: »Jetzt können Sie Aufnahmen machen!«. Grünes Licht! Der Smalltalk ist nun abrupt beendet, jeder konzentriert sich auf seine Arbeit. Wir nähern uns unter lautem Rasseln des Feuerwehr-Generators dem Unfallwrack, das seitlich gegen einen Baum geprallt ist. Daneben liegen der Fahrer und die Beifahrerin. Tot. Abgedeckt unter einer schwarz glänzenden Plastikfolie. Am unteren Ende ragen die Schuhe hervor. Die Szenerie ist gespenstisch. Die Dunkelheit und die vom Wind verwirbelten Regentropfen tun ihr übriges dazu.

Bild: Autowrack an Baum
Der Unfallfahrer wurde aus dem Wrack geschnitten und liegt abgedeckt am Straßenrand. Foto: Weber

Der Rettungswagen ist mittlerweile abgefahren. Hier kann niemandem mehr geholfen werden. Vereinzelt stehen in kleinen Grüppchen Feuerwehrleute am Rande der Unfallstelle – mit bedrückter Miene, meist mit dem Rücken zum Wrack und den abgedeckten Toten. Ihnen scheint die Situation nahezugehen.

Bild: Autowrack an Baum
Der Fahrer des Sportwagens liegt tot in der Böschung und wird nassgeregnet. Eine makabere Szenerie. Foto: Weber

Währenddessen arbeiten die Blaulicht-Reporter routiniert ihre Motive ab. Ein Schwenk hier, ein Zoom dort. Das Wrack am Baum, Details vom Porsche, ein Blick in den Innenraum. Business as usual. Es folgen die obligatorischen O-Töne mit Feuerwehr und Polizei. Einige haben vorher mit ihrer Redaktion oder dem Newsdesk telefoniert und das Material angekündigt. Doch gehen will auch jetzt noch keiner. Es fehlt ein bestimmtes Motiv. Wir stehen wieder da und warten.

Bild: Autounfall Egestorf
Schnittbilder vom Unfallauto als Zeitvertreib bis zur Ankunft des Bestatters. Foto: Weber

Nach einer weiteren Viertelstunde nähern sich Scheinwerfer aus der Dunkelheit, langsam zeichnet sich ein schwarzer Transporter ab. Der Bestatter. Mit Unterstützung eines Kollegen lagert er die beiden leblosen Körper von der Straße in die hellen Holzsärge um. Umsäumt von Blaulicht-Reportern werden sie nacheinander in den Transporter geschoben. Ein Ende, das sich die beiden Menschen wohl niemals so vorgestellt hatten...

Bild: Autowrack an Baum
Die Leichen werden vom Bestatter abgeholt. Ein Schnittbild, das nicht fehlen darf. Foto: Weber

Wie sich später herausstellt, handelt es sich bei dem Unfallfahrer um einen 54 Jahre alten Rennfahrer aus dem Landkreis Cuxhaven. Auf dem Beifahrersitz seine zwei Jahre jüngere Lebensgefährtin aus Egestorf am Deister. Mutmaßlich waren die beiden auf dem Rückweg von einem entspannten Samstagnachmittag an der Nordsee, hatten schon einen Großteil der Wegstrecke hinter sich gebracht, bevor sie an einem Baum bei Barsinghausen den Tod fanden.

Doch egal. Unsere Arbeit ist an dieser Stelle vorerst erledigt. Kein Platz für Emotionen. Zeit für eine Verabschiedung hat jetzt ebenso keiner mehr – alle Blaulichtreporter verschwinden wortlos in der Dunkelheit, wollen ihr Material so schnell wie möglich verkaufen. Auch mein Kollege und ich machen uns auf den Rückweg. Während der Fahrt unterhalten wir uns kurz über den Unfall, die generellen Eindrücke bei Blaulicht-Einsätzen mit Toten. Wir beide haben inzwischen genug Erfahrung im Umgang damit, genug gesehen, als dass uns so eine Sache noch über den Tag hinaus beschäftigen würde. Den Rest der Fahrt plaudern wir entspannt über das, was wir privat am Sonntag vorhaben.

Auf der Rückfahrt sind wir etwas langsamer unterwegs. Es eilt nicht mehr. Statt einer Viertelstunde brauchen wir jetzt 25 Minuten. Zu Hause angekommen stelle ich meine durchnässte Fototasche ab und erblicke die kalte Pfanne mit dem kaum halbfertig gebratenen Steak. Auf ein aufgewärmtes Steak habe ich jetzt keinen Appetit mehr. Ich entsorge das Stück Fleisch und entscheide mich für einen kleinen Tomatensalat.